Bennewitz Quartet



Štěpán Ježek

Im Quartett wie in einer Ehe
Ich glaube, dass das Quartett das Beste ist, was mir begegnen konnte. Es ist  ein unwahrscheinlich eigenartiges und interessantes Gemisch des individuellen und kollektiven Lebens. Wir sind hier jeder für sich, und bilden aber dabei einen Körper.  Es bedeutet eine ständige Suche nach dem Gleichgewicht zwischen der eigenen Vorstellung und dem  Interesse der Gesamtheit. Übrigens, es ist so wie in einer Ehe, man muss Kompromisse eingehen…
 Aber meiner Meinung nach ist ein Kompromiss die beste Art und Weise,  die Kunst oder die Ehe ganz zu vernichten. Ein Kompromiss bringt schon aus seiner Substanz her die Durchschnittlichkeit, das Grau  mit. Und es ist klar, dass sich keiner ein graues Leben oder eine graue Kunst  wünschen würde.
 
Verständnis ohne Kompromisse
Glücklicherweise besteht meine Ehe nicht aus Kompromissen. Wir bevorzugen etwas, was ich mehr als Verständnis bezeichnen würde, und das unterscheidet sich grundsätzlich vom Kompromiss. Es gesteht nämlich dem Menschen die Freiheit, welche die grundlegende Bedingung des Lebensglückes darstellt, ein.  In der Kunst ist es gleich – die wahren Künstler waren und sind innerlich frei und ungefesselt und deren Schöpfungen halten sich gewiss nicht an die Regel des Kompromisses. Der so häufig vorkommende Misserfol entspringt, da die Persönlichkeiten mit Ihrem Verständnis zu weit von dem Ihrer Zeitgenossen abweichen.
 
Wie sieht es bei uns aus
Im Quartett ist es allerdings noch komplizierter als in einer Ehe. Erstens, sich in einer Ehe zu einigen heißt, sich zu zweit zu einigen, was bedeutend einfacher ist als zu viert. Und dann, mit meiner Frau bin ich auf Grund von persönlicher Sympathie nahe - wir verstehen uns.  Doch das Quartett ist eine professionelle  Vereinigung. Wir müssen selbstverständlich gut miteinander auszukommen, aber noch dazu müssen wir uns in Fragen der Musik verstehen.
Die Frage lautet also, wie aus vier unterschiedlichen Personen und vier unterschiedlichen musikalischen Visionen eine harmonische Gesamtheit gebildet werden kann ohne dabei des Kompromisses habhaft zu werden. Ich würde sagen, dass es einfach keine universelle Antwort gibt. Ich kann nur sagen, dass ich die größte Freude und Befriedigung bei der Arbeit dann empfinde, wenn wir uns alle vier  an einer gemeinsamen Schaffung beteiligen und jeder von uns  das Beste, was in ihm ist  zeigt. Es sind fabelhafte  Momente. Eine ständige gegenseitige Kritik, welche manchmal so unangenehm und tötend ist, wandelt sich aus dem Hemmenden in eine riesige Antriebskraft, welche uns nach vorne bringt. Es ist seltsam, wie in einem solchen Moment die Zeit schnell vergeht. Eine vier Stunden dauernde Probe ist auf einmal vorbei und man spürt am Ende mehr Frische und Elan als am Anfang.
 
Die Kunst , Kritik zu erteilen und anzunehmen
Neben dem, dass mir das Quartett  Spaß macht, da ich mich als Musiker  wunderbar realisieren kann, ist es auch eine Schule des Lebens.  Die Kunst, Kritik zu erteilen und anzunehmen;  genau alle eigenen Vorstellungen beschreiben zu können, aber auch abzuschätzen, was lieber ohne Worte zu lassen ist;  individuelle Fähigkeiten und Meinungen einzubringen, aber die künstlerische Intimität zu teilen – in diesem allen und selbstverständlich in  einer Menge weiterer Sachen muss ich mich ständig verbessern. Es ist klar, dass ich, als ich im Quartett anfing, von den meisten Dingen keine Ahnung hatte. Aber genauso klar ist es, dass ich in ein paar Jahren wieder mehr gelernt habe, mir mehr bewusst wird, ich mich weiterentwickelt habe. Es ist also möglich, dass Sie die Letzten sind, die diesen Text lesen, da ich gerade dabei bin, ihn zu löschen und hier etwas ganz anderes zu schreiben.   

Štěpán Ježek fing im Alter von fünf Jahren an Geige zu spielen. Er studierte am Konservatorium und an der Musikakademie, wo er mit seinen Kommilitonen das Bennewitz-Quartett gründete. Einige Jahre lernte er an der International School of Music and Fine Arts in Prag.  Mit seiner Ehefrau Silvia tritt er gelegentlich auf Festivals der modernen  Musik auf, wo er bereits einige Kompositionen seiner Mutter Olga Jecková in Erstaufführung aufgeführt hat.
Er spielt gerne Fußball und Schach, liest gerne Bücher über Astronomie und beschäftigt sich in seiner Freizeit als Amateur mit Fotografie.  Das häufigste Thema seiner Aufnahmen sind seine Ehefrau Silvia und sein Sohn Jakub.